Wir brauchen eine Kulturflatrate

Letzte Woche ging ein Aufschrei durch die deutsche Internetcommunity. Eine der beliebtesten Seiten des deutschsprachigen Internets, Kino.to, wurde in Folge einer polizeilichen Razzia geschlossen. Spontan bildeten sich Unterstützungsgruppen auf Facebook und die Seite der GVU wurde von Anonymus abgeschossen. Altgediente Netzuser fühlten sich ein wenig an die Schließung von Napster erinnert. Hintergrund der Kino.to Razzien waren wohl die Streamingdienste, die hinter Kino.to standen. Diese sind augenscheinlich von den Kino.to Betreibern gegründet worden. Am Ende hat die Seite wohl einen 7-stelligen Umsatz generiert.

Wenn man diesen Hintergrund betrachtet kann man nachvollziehen, dass die Inhaber der Nutzungsrechte, der auf Kino.to gelagerten Filme versucht haben die Seite mit allen Mitteln vom Netz zu nehmen. Es erscheint unbillig, dass Leute mit Inhalten Geld verdienen ohne an der Entstehung des Inhalts beteiligt gewesen zu sein.

Es lohnt sich jedoch die Sachlage einmal genauer anzugucken. Man wird dann bemerken, dass diese Aussagen auch auf die großen Labels zutreffen können. Sie tragen zwar selbstverständlich mit finanzieller Unterstützung zur Produktion eines Films bei. Die eigentliche Schöpfungskraft liegt jedoch bei den beteiligten Künstlern.
Viel deutlicher wird diese Schräglage jedoch bei musikalischen Produktionen. Ein Musiker bekommt von einer verkauften CD gerade einmal im Schnitt 12% des Umsatzes.

Hierzu ein Beispiel: Die Band „Wir sind Helden“ hat mit ihrem letzten Album die goldene Schallplatte erhalten. Das bedeutet, dass ihr Album sich mehr als 100.000 mal verkauft hat. Bei Amazon kostet das Album 12€, weshalb dieser Preis zugrunde gelegt werden kann. Insgesamt wird mit der CD also ein Umsatz von knapp 1,2 Millionen Euro gemacht worden sein. Die Band bekommt hiervon 12%, also am Ende 144.000€. Dagegen stehen jedoch mehrere Monate, die im Studio zugebracht werden, inklusive Vorbereitungen, Songtexte schreiben etc. Die Summe muss dann auch noch auf alle Bandmitglieder verteilt werden, was im Fall von „Wir sind Helden“ bedeutet, dass jedes Bandmitglied (bei einer 25% Lösung) 36.000€ bekommt. Diese Summe wirkt nun nicht mehr unglaublich groß, insbesondere wenn man bedenkt, dass es kaum Bands gibt, die mehr als ein Album pro Jahr raus bringen. „Wir sind Helden“ haben seit ihrer Gründung im Jahre 2000 zum Beispiel nur vier Alben veröffentlicht, wobei die ersten Alben zugegeben deutlich höhere Verkaufszahlen haben, was aber zeigt, dass maximal die Top-Künstler in Deutschland wirklich Geld mit Alben verdienen können.

Heutzutage verdienen Musiker ihr Geld hauptsächlich über Konzerte und Merchandise. Bereits 2003 wurde 60% des Umsatzes im Musikbereich mit Konzerterlösen gemacht. 2005 wurden knapp 3 Milliarden Euro mit Konzerten umgesetzt. Gerüchten zufolge bekommen Bands auf großen Festivals wie Rock am Ring eine Gage, die durchaus eine Million Euro übersteigen kann. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Dokumentation „Freddie’s Millions“ in der analysiert wird wie der verstorbene Sänger von Queen zu seinen Millionen gekommen ist:


(Quelle: YouTube, User: Oberon1966)

Die Datenlage zeugt von einer deutlichen Schieflage im Musikbereich. Von CD-Verkäufen profitieren nahezu ausschließlich die Händler und Labels, während die Bands immer häufiger auf Tour gehen müssen um als Musiker überleben zu können.

Dazu kommt, dass Musik von den meisten Menschen immer mehr als Teil des Alltags wahrgenommen wird. Früher konnten die meisten Menschen nur wenige Dutzend Alben ihr Eigentum nennen. Heute haben die meisten Internetnutzer jedoch mehrere Tausend bis Zehntausend MP3s auf ihrer Festplatte. Durch die einfache Verfügbarkeit in den späten 90ern und kurz nach der Jahrtausendwende wurde das Kaufen von Musik immer weiter in den Hintergrund gedrängt. Mittlerweile sind die meisten großen Tauschbörsen zwar trocken gelegt und die Zahl der illegalen Downloads geht offensichtlich zurück.
Dies liegt jedoch mitnichten daran, dass die Leute wieder mehr Geld für Musik ausgeben möchten. Mittlerweile wird Musik einfach unproblematisch im Freundes- und Familienkreis getauscht.

Mit diesem Hintergrund scheint es angebracht neue Wege für das Urheberrecht zu suchen, da die aktuelle Situation ziemlich unbillig erscheint.
Auf der einen Seite sind die Bands, die Geld verdienen wollen, jedoch dazu (mit CD Verkäufen) kaum in der Lage sind. Auf der anderen Seite stehen die Musikhörenden, die immer wieder in eine kriminelle Ecke gedrängt werden.

Doch welche Auswege gibt es aus dieser Situation:

1. Beibehaltung des Status Quo: Die großen Labels der Musikindustrie fordern die Beibehaltung des Status Quo. Teilweise wird sogar eine Ausweitung des Urheberrechts gefordert um Privatkopien und den Tausch von Musik einzuschränken. Dies würde jedoch zu einer weiteren Kriminalisierung einer ganzen Generation führen, der dringend Einhalt geboten werden muss.

2. Abschaffung oder starke Eindämmung des Urheberrechts: Aus dem Kreis der Piratenpartei kommt die Forderung das Urheberrecht abzuschaffen oder zumindest stark einzuschränken. So steht im Programm der Piratenpartei:

Da sich die Kopierbarkeit von digital vorliegenden Werken technisch nicht sinnvoll einschränken lässt und die flächendeckende Durchsetzbarkeit von Verboten im privaten Lebensbereich als gescheitert betrachtet werden muss, sollten die Chancen der allgemeinen Verfügbarkeit von Werken erkannt und genutzt werden. Wir sind der Überzeugung, dass die nichtkommerzielle Vervielfältigung und Nutzung von Werken als natürlich betrachtet werden sollte und die Interessen der meisten Urheber entgegen anders lautender Behauptungen von bestimmten Interessengruppen nicht negativ tangiert


Diese Lösung erscheint auf den ersten Blick sinnvoll. Die Bands verdienen nichts mehr an ihren CDs, also sollten die Downloader auch nicht mehr kriminalisiert werden. Auf der anderen Seite wirkt eine komplette Freigabe jedoch in vielen Fällen eher kontraproduktiv. Dies gilt insbesondere für Fälle, in denen ein Künstler keine Möglichkeiten hat andere Vertriebswege einzuschlagen. Als Beispiel seien hier Hörbücher genannt. Ein Hörbuch hat keine Möglichkeit neben den Einnahmen durch Verkäufe noch weitere Gewinne zu erzielen. Sollten jedoch der nichtkommerzielle kostenlose Download von Hörbüchern freigegeben werden, würden Hörbücher sofort unrentabel. Dies würde dazu führen, dass sie einfach nicht mehr produziert werden.
Auf der anderen Seite sollten auch Künstler nicht dazu gezwungen werden ihre Werke freizugeben. Staatliche Eingriffe in das Eigentum (oder in diesem Fall in ein Recht, das dem Eigentum zumindest entfernt gleicht) sind immer problematisch.

3. Kulturflatrate: Als dritte Möglichkeit erscheint die sogenannte Kulturflatrate. Es gibt im Bereich der Kulturflatrate mehrere Modelle, die zum Thema eines weiteren Artikels werden können. Grundsätzlich sieht die Kulturflatrate jedoch folgendermaßen aus: Auf jeden Netzanschluss wird eine Gebühr erhoben, die an eine zentrale Verwertungsgesellschaft fließen soll. Diese Verwertungsgesellschaft sorgt dann dafür, dass diese Gebühren gerecht auf alle Kunstschaffenden verteilt werden.

Um die Freiwilligkeit zu gewährleisten soll es jedem Künstler möglich sein seine Werke anzumelden. Nur diese Werke wären dann auch zum Download freigegeben. Da jedoch die auszuzahlende Summe an die Künstler entsprechend hoch sein würde, würde durchaus ein Anreiz zum Registrieren der Werke geschaffen. Die Kulturflatrate könnte im Zweifel sogar mit einer entsprechenden Datenbank verbunden werden, über die man registriere Werke herunterladen kann, damit die Bürger in diesem Punkt absolute Rechtssicherheit genießen können.

Die genaue Ausgestaltung einer Kulturflatrate- oder Wertmarke ist jedoch etwas, was in einem breiteren Feld diskutiert werden muss.

Fazit: Grundsätzlich ist die Kulturflatrate ein Weg, der aufgrund der veränderten gesellschaftlichen Wahrnehmung von Musik (und anderer Kunst) gegangen werden sollte. Es gibt sicherlich einige Punkte, die noch weitergehend diskutiert werden müssen. Zum Beispiel, wie mit problematischen Werken umgegangen wird, wie hoch die Gebühr pro Anschluss wird und ob es eine Möglichkeit gibt die Kulturflatrate auch sozial gerecht zu gestalten. Es ist jedoch notwendig diesen Weg zu beschreiten um die oben genannten Probleme zu beseitigen. Die Zementierung des Status Quo wäre jedoch mit Abstand die schlechteste Lösung.

Anmerkung des Autors: Zur Kulturflatrate wird es zukünftig sicherlich noch den einen oder anderen Artikel geben um zum Beispiel auch eventuelle Nachteile einer Kulturflatrate zu beleuchten.

von Johannes am mit 5 Kommentaren

5 Responses to “Wir brauchen eine Kulturflatrate”

  1. fasel
    21:24 am 13. Juni 2011

    1. du fängst mit kino.to an und argumentierst dann mit Musik weiter. Bei Filmen sieht die Wertschöpfungskette aber ganz anders aus.

    2. du stellt ein Verlust oder Schaden gar nicht erst in Frage. Wo ist der Schaden wenn ich ein digitales Werk kopiere und konsumiere? Gibt es überhaupt ein Problem?

    3. „Auf jeden Netzanschluss wird eine Gebühr erhoben, die an eine zentrale Verwertungsgesellschaft fließen soll. Diese Verwertungsgesellschaft sorgt dann dafür, dass diese Gebühren gerecht auf alle Kunstschaffenden verteilt werden.“
    *grusel* GEMA. Nein, die Umverteilungsfrage ist nicht lösbar, denk doch mal zuende: Globalisierter Markt, unsittliche Anbieter (Randgruppenpornografie)*, wer bestimmt wer wieviel bekommt? Messung des Konsumverhaltens? das wäre Komplettüberwachung jedes Nutzers (die Contentindustrie würde das begrüßen), oder halt wieder Willkür wie die GEMA heute.

    4. Kunst ist nicht Kultur

    5. KFlat ist eine Sackgasse. Die Diskussion ist auch schon viel weiter und detaillierter geführt und es liegen überall Fallstricke

    6. Das Problem ist (Im Gegensatz zu 2.) die Kriminalisierung der Konsumenten. Der Fans. Konsum und Tausch von Werken ohne Gewinnabsicht gehören erlaubt. Dem Abmahnwesen gehört das Wasser abgegraben, das ist ein unhaltbarer Zustand. Das wäre Verbraucherschutz. Der Contentindustrie in den Punkten klare Kante zeigen, dann würden die sich evtl auch mal bequemen Angebote zu schaffen, die derzeit nur schummrige Seiten wie kino.to decken

    * nicht dass ich da ein Problem mit hätte, aber andere haben es. Ich war schon auf verschiedenen Veranstaltungen der Grünen zum Thema und wenn das zur Sprache kam, ging immer ein Raunen durchs Publikum. Und der Großteil der KFlat würde an solche Anbieter gehen (Internet is for porn ;) )

  2. Johannes
    21:42 am 13. Juni 2011

    Hallo Fasel,

    vielen Dank für deine umfangreiche Antwort ;-). Ich gehe im Einzelnen darauf ein:

    1. Das ist mir durchaus klar. Die Filme waren für mich auch eher der Aufhänger, wahrscheinlich wäre Napster besser gewesen, aber da komme ich 10 Jahre zu spät *g*.

    2. Das ist eine Argumentation die oft gefahren wird. Natürlich ist die Nachweisbarkeit des Schadens ein Problem, gar keine Diskussion. Nicht jedes Lied, das runtergeladen wird, würde auch gekauft. Aber dass es grundsätzlich einen Schaden gibt ist wohl auch unzweifelhaft. Was man kostenlos kriegt kauft man nun nicht mehr. Und die Musiker werden keine CDs mehr produzieren, wenn sie dafür gar nichts mehr bekommen. Oder maximal noch sehr abgespeckte PromoCDs.

    3. Das war ein bisschen blöd dargestellt. Guck dir mal die Idee der Kulturwertmark vom CCC an. So stelle ich mir das vor. Das ganze muss staatlich getragen werden oder demokratisch. Die GEMA ist ja mitnichten auch nur ein bisschen demokratisch. Im Gegenteil. Wie man das genau ausgestaltet muss man dann halt gucken. Klar wird die Pornoindustrie Geld kriegen, wenn Leute das nachfragen. Such is life. Ich glaube aber nicht, dass dort noch wirklich viel Geld zu holen ist. Die Pornoindustrie ist aufgrund der strengen Gesetze ich Deutschland sowieso nur eine Randerscheinung. Da wird auch die Kulturflatrate nichts dran ändern.

    4. Dann nennen wir es halt Kunstflatrate, ist doch egal.

    5. Wie stellst du dir das denn vor?

    6. Das ist selbstverständlich ein Problem. Aber warum sollten Musiker etwas produzieren, wenn sie nichts dafür bekommen? Eine komplette Freigabe wird einfach dazu führen, dass es keine Musik mehr gibt, auch für Leute, die gerne Musik am Rechner hören. Das Abmahnwesen ist ein Problem, keine Frage. Aber gerade eine Kulturflatrate könnte dem das Wasser abgraben.

  3. Der Grüne Kommunismus!
    21:56 am 13. Juni 2011

    Der Grüne Kommunismus!

  4. fasel
    22:17 am 13. Juni 2011

    2. natürlich werden keine CDs mehr produziert! Wer kauft denn noch CDs?! Das ist doch das Problem, dass die Silberscheiben-Ära vorbei ist. Genau die Überflüssigkeit ihrer Existenz wollen Verwerter (logischerweise) nicht akzeptieren. Das Postkutschenproblem.
    Fakt ist, es wird weiter Musik gemacht und produziert. All die Jahre und Jahrzehnte seit Napster in denen Massenweise Musik getauscht wurde haben das nicht verhindert.

    3. Anteil von Porno an abgemahten Sachen ist deutlich. Zahlen habe ich auch nicht, aber Randerscheinung ist es definitiv nicht, danach was ich aus Jurablogs so rauslese.

    4. Es ist nicht egal. Es geht nicht um Kunst. Es geht auch nicht um „die Künstler“. Es geht um die Unterhaltungsindustrie. Die produziert mitnichten Kunst. Da muss man aufpassen nicht mir Strohmännern zu argumentieren. Begrifflichkeiten und Verständnis der Unterschiede und ist fundamental wichtig.

    5.+6. es ist nicht mein Problem wo „der Künstler“ sein Brot herbekommt. Aber es gibt neue, funktionierende Geschäftsmodelle (damit meine ich nicht die Abmahnwirtschaft). Das Internet ermöglicht mehr Geschäftsmodelle und verhindert keins. iTunes und viele andere Anbierter funktionieren.
    Kopieren schadet nicht, sondern bereichert den Kulturraum. Es entstehen ganz neue Kulturen (Remix/Mashup).
    Dass „Eine komplette Freigabe wird einfach dazu führen, dass es keine Musik mehr gibt“ ist doch völliger Humbug. Das Gegenteil ist der Fall. Musik gemacht wurde auch vor 200 Jahren und früher, als es noch kein Copyright gab. Und wenn mehr kopiert wird, ist mehr Musik verfügbar.

    Bevor ich noch endlos schreibe, mein Standpunkt: Die Kulturflatrate löst ein Problem auf eine schlechte Weise, dass so gar nicht gibt.

  5. Johannes
    22:39 am 13. Juni 2011

    Hey Fasel,

    vielleicht sollten wir irgendwann mal gucken, dass wir im Real Life darüber diskutieren. Ich persönlich finde das nämlich durchaus spannend und denke, dass es da durchaus Redebedarf gibt. Morgen gibt es aber auch auf deine Punkte hier noch eine ausführliche Antwort.

    Grüße
    Johannes