Privatsphäre – warum die Netzcommunity naiv ist.

Als ich vor einigen Tagen das erste Mal seit einiger Zeit wieder mIRC geöffnet und ein Netzwerk betreten habe merkte ich, wie altmodisch sich das eigentlich angefühlt hat. Es gab keine modische Benutzeroberfläche, nichts wurde erklärt und mein erster Versuch das Netzwerk zu betreten wurde mit einer Fehlermeldung beantwortet, die sich mir ganz und gar nicht erschlossen hat.

Schnell wechselte ich das Tab, öffnete Facebook, atmete tief aus und war froh in einer einfachen, benutzerfreundlichen Welt gelandet zu sein. Der Unterschied zwischen einem Chatprotokoll, das nun schon mehr als 30 Jahre auf dem Buckel hat und einer Website, die keine 10 Jahre alt ist(in der aktuellen Version sogar noch deutlich weniger) war bestechend.

Doch gibt es zwischen diesen beiden so unterschiedlichen Systemen doch einige bedeutende Gemeinsamkeiten. Eine große Übereinstimmung ist die Möglichkeit Daten von sich bekannt zu geben und sich in der Internetöffentlichkeit quasi „nackt“ zu machen. Dies geschieht bei Facebook sicherlich einfacher als im IRC, die Möglichkeit hierzu gibt es jedoch in beiden Systemen.

Eine weitere Gemeinsamkeit ist die Tatsache, dass es in beiden Netzwerken nicht automatisch zu einer Ansammlung von Daten kommt. Auch Facebook weiß nur so viel, wie man gewillt ist bekannt zu geben. Der große Unterschied ist jedoch die kommerzielle Ausrichtung von Facebook. In dieser Hinsicht war das Internet des letzten Jahrtausends ein weitestgehend naiver, friedlicher Ort. Es wurde zwar vom großen Geld geträumt, jedoch wurde wirklicher Umsatz noch immer im analogen Bereich gemacht.

Dies hat sich erst in den letzten Jahren bedeutend verändert. Insbesondere Google und Facebook machen Umsätze, von denen die Unternehmen der Internetblase von 2000 nur träumen konnten. Interessant wird dieser Aspekt insbesondere, wenn man bedenkt, womit diese Unternehmen Geld machen. Sowohl Google, als auch Facebook verdienen fast ausschließlich Geld durch den Verkauf von Werbung. Ein Konzept, das eigentlich vor wenigen Jahren, zu Zeiten der Popupbanner, noch totgeschrieben wurde. Niemand hätte es für möglich gehalten, dass ein Unternehmen(fast) nur mit Internetwerbung einen Jahresumsatz von fast 30 Milliarden US-Dollar machen könnte.

Mit der Neuergründung eines eigentlich schon für tot erklärten Marktes wachsen natürlich die Begehrlichkeiten der betreffenden Unternehmen enorm. So hat Twitter vor kurzem bekannt gegeben, dass es die akkumulierten Daten der User gegen ein (sicherlich nicht geringes) Entgelt zur Verfügung stellen wird. Und wie es nicht anders zu erwarten war ging ein Aufschrei durch die Netzcommunity. Twitter wurde (eigentlich bereits vorher) zu einem der „bösen Unternehmen“ erklärt, das nur existiere um unsere Daten zu sammeln. Und das ist natürlich nicht einmal falsch. Twitter will unsere Daten. Ebenso wie Facebook, Google und viele andere Unternehmen im Bereich der social media.

Am Ende ist es jedoch erstaunlich naiv von der Netzcommunity sich über ein derartiges Verhalten zu beschweren. Immerhin sind wir es doch, die die Unternehmen tagtäglich mit Daten versorgen. Wir twittern unsere Einkaufslisten, liken Verkaufsartikel und googlen die neuste Mode. Meistens geben wir dabei unsere reale Namen an oder verknüpfen sie zumindest so gut mit anderen Systemen, dass es einem Unternehmen erstaunlich leicht fallen würde unsere wahre Identität heraus zu finden. Parallel dazu benutzen wir Prepaidkarten, Foursquare und EC-Karten.

Auf der anderen Seite stehen die Datenschützer. Für sie scheinen die „normalen Bürger“ etwa das zu sein, was für die Befürworter einer Internetzensur die Kinder sind. Arme schützenswerte Geschöpfe, um derentwillen  man die große (nicht betroffene) Mehrheit einschränken darf. Dabei darf man jedoch nicht vergessen, dass auch die großen Datensammler nur die Informationen nutzen, die wir ihnen zur Verfügung stellen.

Es ist selbstverständlich klar und logisch, dass es Situationen gibt, in denen der erste Reflex zu einer Einschränkung geht. Dies ist jedoch ein ausdrücklicher Irrweg, wie gerade beim Beispiel der Internetseite „isharegossip“ wieder zutage gefördert wurde. Während es seit Jahren mehr oder weniger große Projekte gegen Mobbing gibt, bei denen die Täter fast immer ohne größere Disziplinierungsmaßnahmen davon kommen, wird im Falle einer Internetseite, die nur als Verteilungsplattform, agiert gleich die große Keule der Indizierung heraus geholt.

Dabei ändert eine Indizierung der Seite absolut nichts. Ich persönlich kann behaupten nur durch die Berichterstattung über diese Website überhaupt auf sie aufmerksam geworden zu sein. Wie in den meisten Situationen bringt ein Verbot eher das Gegenteil des Gewünschten. „Die Ärzte“ können euch viele Lieder darüber singen.

Es stellt sich also die Frage, warum Unternehmen, denen wir Daten freiwillig zur Verfügung stellen, am Ende immer kritisch wegkommen. Es ist doch selbstverständlich, dass Kapitalunternehmen ihre Substanz zu Geld machen müssen. Und die Substanz von Google, Facebook und Twitter sind nun mal Daten. Dass es in diesem Punkt immer zu einem großen Aufschrei kommt ist, wie bereits oben gesagt, nur naiv und in keinster Weise realistisch.

Aus diesen Grund sind die Daten, die auf Facebook und ähnlichen social media Seiten veröffentlicht werden am Ende in keinster Weise schutzwürdig. Wer nicht möchte, dass diese Daten zu Geld gemacht werden sollte sie gar nicht erst produzieren. Wer jedoch am Ende schreit und Angst um seine Privatsphäre hat, hat das Internet in der heutigen Form nicht verstanden.

von Johannes am mit Kommentare deaktiviert für Privatsphäre – warum die Netzcommunity naiv ist.

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