„Leistung muss sich wieder lohnen“ (Kampfslogan #2)

Vorweg genommen: Wer glaubt, dass Guido Westerwelle Erfinder des Kampfslogans „Leistung muss sich wieder lohnen“ ist, irrt. Die inhaltliche Nähe existiert trotzdem, denn der Slogan ist Begleitmusik neoliberaler Politik. Er hat seinen Ursprung in den frühen 1980er Jahren.

Es begann mit Helmut Kohl

Zeitgleich mit dem Beginn der sogenannten „geistig-moralischen Wende“ begann unter Helmut Kohl ab 1982 auch der systematische Sozialabbau und Privatisierungswahn im Gebiet der alten Bundesrepublik. Mehrere Quellen deuten darauf hin, dass „Leistung muss sich wieder lohnen“ Motto des ersten Regierungsprogramms von Schwarz-Gelb in dieser Zeit war. Helmut Kohl persönlich könnte der erste Politiker gewesen sein, der den Slogan in die Debatte eingeführt hat. Jedenfalls spricht die Print-Ausgabe des Spiegels im Jahr 1986 von einer „CDU-Parole“. In diesem Jahr wurde der Slogan von der Union wiederverwendet und zum Titel einer großen Steuerreform, die für 1987/88 vorgesehen war, erklärt. In den Folgejahren verschwand die Parole.

Slogan "Leistung muss sich wieder lohnen"

Comeback mit Henning Voscherau nach zehn Jahren

Während des Mauerfalls und in den Folgejahren der Wiedervereinigung erschien unser Kampfslogan – wohl auch angesichts drastisch steigender Erwerbslosigkeit – unangebracht. Erst ab der zweiten Hälfte der 1990er Jahre wurde er wieder salonfähig. Doch diesmal war es nicht die CDU, sondern ein SPD-Politiker, der ihn reaktivierte. Garniert mit Schlagwörtern wie „Eigenstaatlichkeit“ verlangte 1997 der damalige Hamburger Bürgermeister Henning Voscherau mit der Forderung nach einer Föderalismusreform dass sich Leistung wieder lohnen müsse. Im Kern war damit gemeint, dass der Länderfinanzausgleich und somit die Solidarität zwischen finanzstarken und schwachen Bundesländern in Frage gestellt werden müsse. Dazu muss man wissen, dass Hamburg ein traditionelles Geberland ist.

Verwendung in den 2000er Jahren bis heute

In späteren Jahren taucht zusammen mit dem Leistungs-Slogan statt „Eigenstaatlichkeit“ oft die „Eigenverantwortung“ auf. Bei Google finden wir für diese Kombination gegenwärtig stolze 72.200 Treffer. Packen wir noch „Freiheit“ hinzu, sind es immerhin noch 69.600 Treffer. Das ist kein Zufall, denn es soll als Botschaft vermittelt werden, dass nur dort „Freiheit“ gedeihen kann, wo sich der Staat in den Sektoren Wirtschaft, Soziales und Finanzen möglichst ganz raus hält und nichts mehr reguliert. Die Leistung lohnt sich demnach vor allem dann wieder, wenn der Spitzensteuersatz niedrig ist und auf der anderen Seite Sozialleistungen gekürzt oder mit höchsten Hürden verknüpft sind.
Die daraus resultierende Leistung, die sich wieder lohnen müsse, ist dann eine, die mit Dumpinglöhnen honoriert wird. Das ist ein Massenphänomen anno 2011 und unser heutiger Kampfslogan hat in den letzten drei Jahrzehnten dazu seinen Beitrag geleistet.

Der Slogan ist überreizt

Kommen wir zurück zu Guido Westerwelle. Faktisch unrichtig und trotzdem nachvollziehbar wird der Außenminister von vielen als Schöpfer des Spruchs betrachtet. Niemand hat ihn so oft und so schrill verwendet wie er. Wenn aber aus einem gut durchdachten Slogan unaufhörliches Gebrüll wird, sterben beide. Derjenige, der ihn bei jeder unpassenden Gelegenheit inflationär verwendet stirbt politisch und auch der Slogan wird zu Grabe getragen.
Er ist so sehr verbraucht, dass er sich nicht einmal mehr für eine Umdeutung eignet. Dabei könnte „Leistung muss sich wieder lohnen“ die Überschrift für die Einführung eines flächendeckenden Mindestlohnes sein. Eigentlich schade.

Dieser Artikel ist der zweite Akt unserer 52teiligen Reihe „Kampfslogans“.

von Jan am mit Einem Kommentar

One Response to “„Leistung muss sich wieder lohnen“ (Kampfslogan #2)”

  1. “Freiheit statt Sozialismus” – Kampfslogan #3 | politikblog.org
    23:37 am 17. Juli 2011

    […] wieder landen wir bei Helmut Kohl, der bereits mutmaßlicher Schöpfer unseres letzten Kampfslogans war. Offenbar fördert starke Slogan-Produktion die Politkarriere, wobei sein Stellvertreter […]