Slogan "Kernkraft ist eine Brückentechnologie"

„Kernenergie ist eine Brückentechnologie“ (Kampfslogan #1)

„Kernenergie ist eine Brückentechnologie“ lautet ein Slogan von Atomkraftbetreibern und -Befürwortern, der vornehmlich seit dem Bundestagswahlkampf 2009 starke Verwendung findet. Die schwarz-gelbe Bundesregierung verwendete den Slogan am 28. September 2010 direkt als Überschrift für die damals beschlossenen AKW-Laufzeitverlängerungen.

Brückentechnologie seit Tschernobyl

Bei Wikipedia vermutet man den Ursprung dieses „Denkmodells“ im Jahr 1986, auch wenn der Begriff „Brückentechnologie“ erst später konstruiert wurde. Erwin Teufel, CDU-Fraktionsvorsitzender im baden-württembergischen Landtag und späterer Ministerpräsident formulierte es damals wie folgt:

„Die Weichen für Alternativen zur Kernkraft müssen heute gestellt werden und nicht erst im Jahr 2000. (…) Jetzt muss erforscht und entwickelt werden, was später in Serie genutzt werden soll. Die Zukunft gehört nicht der Kernkraft, weil kein Mensch mit so großen Risiken leben will, wenn es risikoärmere, gefahrlosere Arten der Energieerzeugung gibt.“

Slogan "Kernkraft ist eine Brückentechnologie"

Slogan "Kernkraft ist eine Brückentechnologie"

Addiert müssen sich Wanderer, die diese Brücke passieren wollen, auf eine 36jährige Reise begeben, wenn 2022 als das Ende der Brücke betrachtet wird. Die Technologie „Atomkraft“ bekam aber erst viel später den Beinamen „Brücke“ verpasst. Markiert man den Tag der Tschernobyl-Katastrophe im Jahr 1986 als Startzeitpunkt, sucht man die „Brückentechnologie“ vergeblich in Artikeln, die bis zum 31.12.1990 erschienen. Auch in den 1990er Jahren gab es offenbar noch keine Definitionen für das Wort. Erst im Jahr 2004 taucht die Brückentechnologie in den Nachrichten auf, wenn auch ohne Zusammenhang mit der Atomkraft. Es sollte weitere drei Jahre dauern, bis dieser erstmalig in den Nachrichten hergestellt wurde. Der Kölner Stadtanzeiger berichtet Ende Februar 2007 vom umweltpolitischen Teil des neuen CDU-Grundsatzprogrammes. „Grüner“ sei die CDU fortan und die Atomkraft gelte „nur noch als Brückentechnologie“. Damals befand sich die Merkel-CDU in einer Koalition mit der SPD, in der sie AKW-Laufzeitverlängerungen nicht durchsetzen konnte.
Tauchte „Kernenergie“ gemeinsam mit dem Wort „Brückentechnologie“ bei Google News im Jahr 2007 nur achtmal auf, kam man im Jahr der Bundestagswahl 2009 auf stolze 121mal. Im Fukushima-Jahr 2011 gibt es 760 Resultate.

Wer hat’s erfunden?

Der Begriff Atomkraft als „Brückentechnologie“ erreichte die Öffentlichkeit, als man versuchte, unter Nichtbeachtung des Uranabbaus der Atomkraft das Label „klimafreundlich“ zu verpassen. Ein Prof. Dr. Konrad Kleinknecht (Lebenslauf), seit 2007 Klimabeauftragter der Deutschen Physikalischen Gesellschaft nannte im Februar desselben Jahres den (damaligen rot-grünen) Atomausstieg einen „Skandal“ und forderte: „Als Brückentechnologie sollten wir die Kernkraft nutzen, bis die alternativen Energien ausgereift sind.“ Auch Fukushima hielt Kleinknecht im April 2011 nicht davon ab, ein flammendes Plädoyer für Atomkraft zu halten. „Atomkraft, ja bitte“ war sein Motto im Jahr 2008. In einem Cicero-Artikel sprach sich Kleinknecht zudem für AKW-Laufzeiten von „50 Jahren“ aus.

Wer den Slogan „Kernernenergie ist eine Brückentechnologie“ erfunden hat, ist nicht eindeutig zu belegen. Den Mainzer Professor Kleinknecht kann man jedoch getrost als einen der Väter dieses Slogans betrachten. Die CDU und die Energiekonzerne stellten sich in der Folgezeit sehr schnell als Adoptiveltern zur Verfügung.

Brückentechnologie als „Unwort des Jahres“?

Aufmerksame Leser werden festgestellt haben, dass auch in einem unserer Artikel der Begriff „Brückentechnologie“ verwendet wird. Soll man – so wie es eine Facebook-Seite fordert – das Wort verkniffen als Unwort brandmarken? Oder sollte man einem politischen Wort, das sich als Kampfbegriff für Atomkraft etabliert hat, nicht einfach eine andere Bedeutung geben?

von Jan am mit 7 Kommentaren

7 Responses to “„Kernenergie ist eine Brückentechnologie“ (Kampfslogan #1)”

  1. Jan
    00:32 am 15. Juni 2011

    Hinweis von @bueti (Reinhard Bütikofer): Oettinger könnte der erste/einer der ersten gewesen sein, der den Begriff „Brückentechnologie“ in die politische Debatte einführte (Link).

  2. H.-J. Kuhlner
    15:03 am 15. Juni 2011

    Für vernünftige Menschen, die rational denken und wissen, daß Erdbeben wie in Japan in Deutschland auszuschließen sind, ist Kernenergie die Brückentechnologie. Sie ist CO2frei, sauber und (in Deutschland) sicher!

    Daher: Pro Kernenergie!

  3. Denise
    22:49 am 16. Juni 2011

    @H.-J.Kuhlner: Danke für diese tolle Politsatire! Beinahe wäre ich darauf reingefallen, dass Sie tatsächlich glauben was Sie da schreiben. :-)

  4. karl heinz D.
    22:23 am 23. Juni 2011

    Die Kernkraft des Jahres 1960 muss nicht auf diesem Stand bleiben.
    Radioaktive Reste lassen sich wohl bald richtig beseitigen … nicht endlagern ! Siehe Transmutation.
    Die 100.0000 Jahr stimmen nur dann unbedingt , wenn man Leuten glaubt, die Physik „abgewählt“ haben.
    Wir geben mehr Geld für die Abwrackprämie aus, als für die Fusionsforschung.

    1960 hatten wir über 20000 Verkehrstote und jetzt ein Fünftel davon, bei vielmehr Autos und Verkehr. Wir fahren auch nicht die Autos von 1960. Aber wir mögen sie weniger …

    Nur in Deutschland, das immer technikfeindlicher und damit wohlstandsfeindlich wird, kommt es wohl schlechter. Das Land wird zurückbleiben. Bis wir uns die Freiheit (auch für die Spinner und Dummen) nicht mehr leisten können.
    Übrigens Ingenieur will auch keiner mehr werden, der eine Chance auf etwas hat das, hipp ist. Lieber dann doch nachplapperender Medienschreiberling.

  5. Jan
    07:06 am 24. Juni 2011

    Richtig, bei der Atomkraft befinden wir uns nicht mehr im Jahr 1960. Wir haben tatsächlich mit den bestehenden AKW in Deutschland schon die (Brücken-)Technologie der 1970er Jahre erreicht.

    Transmutation? Unendlich teuer, aufwändig und ungewiss. Wenn überhaupt, Zukunftsmusik, die uns allerdings schon seit Jahrzehnten vorgespielt wird.
    Wer sich informieren möchte: http://www.bundestag.de/dokumente/analysen/2008/transmutation.pdf

  6. Jonny
    21:26 am 4. Juli 2011

    Es ist eine sehr sinnvolle Technologie gewesen vor 20-30 Jahren aber sonst wirklich nichts aber auch garnichts.Kernkraft ist meiner Meinung nach ein Überbleibsel des kalten Kriegs.

  7. Atom-Strom
    13:02 am 12. Juli 2011

    Also so manchesmal fehlen mir echt die Worte, wie man es wirklich schaffen kann, versucht Dinge schön zu reden.