Kampagnenjournalismus bei Spiegel Online

Spiegel Online (SPON) liefert heute mal wieder ein schönes Beispiel ab: „Stunde der Wahrheit für die Dagegen-Partei„, titelt Autorin Annett Meiritz ihren Beitrag, der zur Stunde als Aufmacher auf SPON erscheint. Es geht schon mit der Überschrift los, bei der Meiritz jegliche Distanz zu einer misslungenen Anti-Grünen-Kampagne der CDU vermissen lässt. Es ist schon schwierig einen Kampagnenbegriff wie „Dagegen-Partei“, der eindeutig belegt ist, überhaupt in einer Überschrift zu verwenden. Wird er dann nicht einmal in Anführungszeichen gesetzt, sind Tendenz des Artikels sowie politische Intentionen der Autorin absehbar.

Der „Un“-Begriff und der wohlklingende „Konsens“

Nun sollte man nicht erwarten, dass im weiteren Verlauf des Artikels gnadenlos auf die Grünen eingeschlagen wird. Es wird differenziert zwischen der Führung und der Basis der Partei. Jeder PR-Macher weiß: Wenn man eine bestimmte Gruppe negativ besetzen möchte, tituliert man sie mit einem Begriff, der mit „un“ beginnt. Entsprechend hält Meiritz in ihrer Einleitung die Basis der Partei in puncto Atomkraft für „unberechenbar“ während die Parteiführung für das Positive wirbt: Den „Konsens“. Ganz so, als stünde die gesamte Gesellschaft hinter der Atompolitik der Bundesregierung. Gewürzt wird der Kampagnenbeitrag noch mit dem Begriff „radikal“. Gemeint ist natürlich die Basis der Grünen.

„Ein gewaltiger Flop für die Grünen“

Eindringlich warnt die Autorin im weiteren Verlauf des Artikels vor einem Scheitern und prophezeit den Grünen für diesen Fall „einen gewaltigen Flop in puncto Selbstmarketing“ sowie ein Ende des „grünen Höhenflugs“. Frei nach dem Motto „Friss oder stirb!“ sollen die Grünen nach Ansicht von SPON schwarz-gelbe Atompolitik übernehmen, weil man sie ansonsten als „Dagegen-Partei“ titulieren könnte und die Zeiten netter Umfragen dann auch vorbei wären. Weniger wird beleuchtet, wie Atomkraftgegner dazu stehen. Stattdessen wird mit leichten Faktenverdrehungen gearbeitet. Die Klientel der Grünen, zu der unter anderem der Naturschutzbund (Nabu) zähle, könne „mit dem Ausstiegsjahr 2022 erklärtermaßen gut leben“. Gut leben klingt auf der Seite des Nabu etwas anders. Zwar wird die Rücknahme der „Laufzeitverlängerung aus dem Herbst 2010“ begrüßt. Jedoch weist man darauf hin, dass ein Ausstieg bis zum Jahr 2017 „technisch wie wirtschaftlich machbar und erstrebenswert“ sei.

Von Ausgewogenheit ist in dem SPON-Artikel keine Spur vorhanden. So kommen vehemente Kritiker der schwarz-gelben Atompolitik wie Campact, Ausgestrahlt oder Greenpeace, die man ebenfalls als grün-nahe Klientel betrachten kann, nicht zu Wort. Sicherlich hat SPON-Autorin Annett Meiritz auch deren Seiten begutachtet, aber nicht die Positionen gefunden, die sie für ihren Kamapgnenbeitrag dringend benötigte. Final wird dann auch noch die Grüne Jugend für ihre atomkritische Haltung gerügt. „Aufmüpfig“ sei sie.

(Artikelbild: Screenshot Spiegel Online vom 24.06.2011)

von Jan am mit 7 Kommentaren

7 Responses to “Kampagnenjournalismus bei Spiegel Online”

  1. manometer
    03:25 am 25. Juni 2011

    Von wo aus solche Kampagnen professionell, effektiv und unerkannt gesteuert werden, ist hier zu erfahren:

    http://www.wmp-ag.de/index.php

    „Die WMP ist äusserst effektiv im Betreiben von Kommunikation, noch effektiver ist allerdings im Verhindern von Kommunikation.“
    Walter van Rossum

    Das gilt vor allem für ihre Fähigkeit, sich selbst, durch ‚Zeigen‘ unsichtbar zu machen …

  2. Mendola
    14:32 am 5. Juli 2011

    Die Abteilung SPON ist für mich aber nun wirklich nicht die Rubrik für ausgeglichene Berichterstattung. SPON verstehe ich mehr als sehr lange Kommentare von den einzelnen Personen, den SPON-Mitgliedern eben. Ob es nun Lobo ist zu den neuesten Entwicklungen im Netz oder dieser Beitrag.

    Zudem ist Spiegel Online auch nicht mehr das Beste im Netz… Zu viel Effekthascherei…

  3. Jan
    14:45 am 5. Juli 2011

    @Mendola: Man kann sagen, dass SPON im Großen und Ganzen Meinungsjournalismus betreibt. Dagegen spricht auch nichts, solange es fundierte Beiträge sind.
    Der hier besprochene Artikel – als Aufmacher wenige Stunden vor der Abstimmung des grünen Parteitags – hatte aber m.E. nicht mehr den Charakter einer Meinung. Er war viel mehr eine zielorientierte Kampagne in Richtung Delegierte. Zudem inhaltlich mit mäßiger Substanz.

    Das Beste war SPON m.E. noch nie, eher das mit der größten Reichweite.

  4. Denise
    20:28 am 7. Juli 2011

    Martin Eiermann von The European hatte es in einer seiner letzten Kolumnen -welche zwar thematisch aus dem Kontext gerissen sein mag- schön auf den Punkt gebracht:

    „[…] Doch „SPON“ ist nicht die „Bild“, die Aura der Respektabilität ist bei erstem immer noch vorhanden. Und es ist genau das Fehlen dieser anti-boulevardesken Warninstinkte, das die subtile Wirkung der oberflächlichen Berichterstattung noch verstärkt und das Unwissen tief zu verankern hilft.“

  5. Tobias
    10:50 am 28. August 2012

    Hier noch ein Artikel von der Meiritz…

    Sowohl Inhalt als auch die ersten Kommentare sind so was von fabriziert und politisch angestrichen, dass man sicher nur wundern kann, wessen Kampagnenarbeit hier geleistet wird…

    http://www.spiegel.de/politik/deutschland/kommentar-zum-wirbel-um-pirat-johannes-ponader-basis-frisst-fuehrung-a-850937.html

  6. Lorenz
    23:05 am 11. November 2012

    Heute ist Frau Meiritz auch wieder mit einem tendenziösen Aufmacher dabei, mit progressiven Demokratieideen, welche wirklich dem Wohle der Menschen dienen können, hat die Dame offensichtlich ein Problem. Wahrscheinlich möchte sie sich bei zukünftigen Arbeitgebern (FAZ, Handelsblatt, PR-Branche) profilieren.

    http://m.spiegel.de/politik/deutschland/a-866041.html

  7. #Aufschrei – Typisch feministischer Blödsinn | Berufszyniker
    08:31 am 26. Januar 2013

    […] bekommen und wollte deshalb einfach mal “Mimimi” sagen? Wer weiss. Der Vorwurf des Kampagnenjournalismus gegen Meiritz kommt ja nicht von […]