Guttenberg: Rücktritt mit monatelanger Verspätung

Nun ist es also geschehen, der Baron tritt ab. Die Rücktrittsrede von Karl-Theodor zu Guttenberg überrascht nicht: Viel Selbstmitleid und wenig Selbstkritik, eben die perfekte Opferrolle. Der Rücktritt ist natürlich überfällig, auch wenn er wahrscheinlich Grundstein für ein politisches Comeback in ein paar Jahren sein dürfte. Warten wir es ab. Vielleicht hat er sich mit der viel zu späten Konsequenz auch diese Perspektive verbaut.

Meines Erachtens kommt dieser Schritt aber mindestens drei Monate zu spät. Die persönlichen Verfehlungen des Ministers, also der Betrug und die Lügen sind nicht gering zu schätzen und Beleg dafür, dass er moralisch und charakterlich für ein Ministeramt ungeeignet ist. Erst recht für ein kriegsführendes Ressort. Schwerer wog allerdings ein Zitat des Ministers a.D., das unter Beweis stellte, dass zu Guttenberg auch rein fachlich eine gefährliche Fehlbesetzung war:

„Die Sicherung der Handelswege und der Rohstoffquellen sind ohne Zweifel unter militärischen und globalstrategischen Gesichtspunkten zu betrachten.“

Damit hat er seine Gesinnung klar und deutlich ausgesprochen: Wir müssen Kriege führen, um unsere wirtschaftlichen Interessen zu vertreten! Es gab einen Bundespräsidenten, dem eine ähnliche – wenn auch zurückhaltender formulierte – Äußerung wenige Monate zuvor das Amt kostete. Minister zu Guttenberg ließ man das erschreckenderweise durchgehen und damit war plötzlich die Vermischung von Kriegsführung und Wirtschaftspolitik offiziell und de facto legitimiert. Es bleibt zu hoffen, dass der Nachfolger an dieser Stelle andere Töne anschlägt und den politischen Kurs ändert.

von Jan am mit 7 Kommentaren

7 Responses to “Guttenberg: Rücktritt mit monatelanger Verspätung”

  1. servus
    12:48 am 1. März 2011

    @alle

    Guttenberg ist einfach zu gut für diese Welt!

    Diese furchtbar eingebildete Wissenschaftsmafia (Schavan, Lepsius, etc.) hat ihn letztlich zu Fall gebracht!

    Dabei gibt es keine Wissenschaft — es gibt nur Technik und Technologie (s. Mutti bei CEBIT). Alles darüber ist eh nur Rhetorik!

    Und Guttenberg ist ein perfekter Rhetoriker mit einem perfekten hypersozialen Primatenhirn — das ganze geBILDete Volk spürt das!

    Und das Volk braucht charismatische Führer mit einer hypersozialen Intelligenz!!!!

    Darum: Guttenberg for Kanzler!!!!!

    Guttenberg will be back!!

  2. Johannes
    12:53 am 1. März 2011

    Mach mir keine Angst, sonst geht das wirklich noch in Erfüllung. Guttenberg als Kanzler… da wär mir ja sogar Kohl fast lieber. Der war wenigstens nicht so aalglatt.

  3. Jan
    15:46 am 1. März 2011

    Verglichen mit Kohl gibt es bei Guttenberg einen entscheidenden Vorteil: Letzterer hielt sich keine 16 Monate, während wir Kohl erst nach 16 Jahren mühsam los wurden. Aber apropos Kanzler, kümmern wir uns um die amtierende Kanzlerin, der offenbar jegliches Gespür für Moral abhanden gekommen ist („ich habe keinen wissenschaftlichen Assistenten, sondern einen Minister eingestellt“). Mit der Nummer darf sie einfach nicht durchkommen.

  4. Daniel Florian
    19:12 am 2. März 2011

    Das sagt nicht zur zu Guttenberg, sondern auch zum Beispiel die Grünen und eigentlich alle anderen Parteien außer der Linken, wie man im neuen Jahrbuch der DGAP nachlesen kann.

  5. Jan
    20:53 am 2. März 2011

    Ich habe zwar nicht gewusst, aber fast schon geahnt, dass sich diese Haltung bei mehreren Parteien etabliert hat. Nur von den Grünen hätte ich das jetzt so noch nicht erwartet.
    Btw.: Das Think-Tank-Verzeichnis finde ich sehr interessant! Das werde ich mir nochmal genauer ansehen…

  6. Johannes
    23:52 am 2. März 2011

    Die Grünen sind in dem Punkt sehr zerstritten. Die Basis ist mittlerweile wieder deutlich nach Links Richtung Pazifismus geschwenkt. Das mag Özdemir anders sehen, aber es gibt dort einige nette Diskussionen zu. Grundsätzlich ist das aber natürlich ein Problem: Wie gehen wir mit Diktatoren um, wenn wir gleichzeitig auf Rohstoffe angewiesen sind, die nur aus Diktaturen zu bekommen sind? Verzichten wir auf sie? Die Linke macht es sich in dem Punkt schlicht und ergreifend zu einfach, denke ich.

  7. Jan
    12:28 am 3. März 2011

    Ob man von diktatorisch regierten Ländern Rohstoffe generell beziehen sollte oder nicht, ist eigentlich nochmal ein anderes Thema. Die Frage ist, ob Kriege um Rohstoffe legitim sind? Je knapper sie werden, desto mehr Kriege wird es geben.

    Wir sollten aber viel eher mal hinterfragen, warum wir so sehr abhängig von manchen Rohstoffen – an erster Stelle Erdöl – sind, die es in absehbarer Zeit nicht mehr geben wird bzw. vorher noch für Kostenexplosionen sorgen werden. Ich kenne die Haltung der Linken nicht, aber wir werden uns hier sowieso in Zukunft umstellen müssen.