Die Vernebelungstaktik der Atomindustrie

Lange vor dem 11. September 2001 wurden die deutschen Atomkraftwerke geplant und gebaut. An Terroranschläge mit gezielten Flugzeugabstürzen dachte man damals noch nicht. Da verwundert es nicht, dass die Altmeiler aus den 1970er und 1980er Jahren im Falle eines solchen Anschlages akut verwundbar sind und ein SuperGAU nicht unwahrscheinlich ist.
Nicht gerade zimperlich gingen die Regierungen seit 2001 vor, wenn es um höhere – und zugleich höchst umstrittene – Sicherheitsmaßnahmen im Alltag ging. Meistens auf Kosten der Bürgerrechte und somit der Demokratie. Auffallend inaktiv blieb man jedoch bei der Sicherheit der Atomkraftwerke im Hinblick auf mögliche Terroranschläge. Vielleicht, weil es hier mit einem sofortigen Ausstieg aus der Atomkraft nur eine konsequente Lösung gibt?

Nun sind fast zehn Jahre vergangen und man blieb nicht ganz untätig. Am 15. September 2005 einigten sich Bundesregierung und Atomindustrie auf „Maßnahmen für den Terrorschutz“, bei denen Schwerpunkt sein sollte, dass ein Atomkraftwerk bei Terrorgefahr künstlich vernebelt wird. Das damals noch von den Grünen besetzte Bundesumweltministerium erkannte zu dem Zeitpunkt schon, dass dies kein hinreichender Schutz sein kann. Greenpeace bezeichnete die Vernebelung gar als „Placebo für das Volk“.
In der Tat waren hier auf Kosten der Sicherheit die Finanzen ausschlaggebend und so hat man sich mit der Vernebelung damals auf Druck der Kraftwerksbetreiber für die Billiglösung entschieden. Eine zuvor diskutierte Variante aus dicken Stahlbetonwällen und Stahlnetzen war den Konzernen schlicht zu teuer.

Man möge mal einen Augenblick vernachlässigen, dass es sich bei dieser Billiglösung bewusst um ein Placebo-Mittel handelt: Welch romantische Vorstellung umtrieb hier die Strategen dieser Lösung, wenn sie tatsächlich glauben, dass sich ein modernes mit Autopilot und GPS-Technik ausgestattetes Verkehrsflugzeug durch ein bisschen Nebel von seinem Ziel abbringen ließe. In der Realität erfüllt eine Vernebelung am Boden bei einem Angriff aus der Luft allenfalls dann ihren Zweck, wenn es sich um ein bewegliches Ziel handelt. Ein Reaktor hingegen kann unter dem Schutz des Nebels nicht der Bedrohung aus der Luft ausweichen. Dieses Placebo-Mittel bekommt jetzt auch das Atomkraftwerk Esenshamm (Kleinensiel) an der Unterweser in der Nähe von Bremen und Oldenburg verabreicht, wie die lokale Tageszeitung unter Auslassung kritischer Fakten berichtet. Selbst wenn in Esenshamm und anderen AKW-Standorten neben den Nebelmaschinen im Zweifel GPS-Störsender zum Einsatz kommen sollen: Auch sie sind nutzlos, da man davon ausgehen kann, dass das Flugzeug schon im Ziel einschlägt, bevor die GPS-Anlage überhaupt registriert, dass keine Signale mehr da sind. In einem von Greenpeace beauftragten Gutachten (PDF-Format) wird auf weitere Aspekte aufmerksam gemacht:

Flugexperten beurteilen den Nutzen der Störsender skeptisch, denn moderne Verkehrsflugzeuge navigieren mit drei unabhängigen Systemen. Neben GPS helfen Funksender am Boden, die Position bis auf wenige Meter genau zu bestimmen. Dazu kommen so genannte Trägheitsnavigationssysteme. Sie rechnen an Bord die Flugroute mit, ganz ohne Signale von Bodenstationen oder Satelliten [3SAT 2005].

Letztlich ist der ganze Akt ein müder Versuch, die Menschen in diesem Land und nicht die Atomkraftwerke zu vernebeln.

von Jan am mit 3 Kommentaren

3 Responses to “Die Vernebelungstaktik der Atomindustrie”

  1. Johannes
    13:01 am 26. Februar 2011

    Und ein weiterer Grund für den Atomausstieg. Wenn man sich die deutsche Atompolitik vor Augen hält möchte man nur in schöner Regelmäßigkeit mit dem Kopf gegen eine Betonwand hämmern. Aber wen wundert das noch? Die deutsche Atompolitik ist doch durchsetzt mit Halbwissen. Dass die Kanzlerin da einen gesellschaftlichen Konsens mal eben so wieder aufkündigt und den Atomausstieg quasi rückgängig macht mag da nicht sonderlich verwundern.

    Bleibt nur zu hoffen, dass Terroristen einen derartigen Anschlag nicht wirklich durchziehen. Ein Supergau in Deutschland. Alleine bei dem Gedanken kriege ich Gänsehaut.

  2. Jan
    13:33 am 26. Februar 2011

    Die Konsequenz kann nur sein, die Sicherheitsbestimmungen drastisch zu verschärfen und echte – keine kosmetischen – Auflagen für den Weiterbetrieb der AKWs zu verhängen. Außerdem müssen die Kraftwerksbetreiber gezwungen werden, sich entsprechend zu versichern. Im Falle eines SuperGAUs ist mit einem finanziellen Schaden von 5,5 Billionen Euro zu rechnen.
    Beides zusammen hätte wahrscheinlich schon zur Folge, dass sich ein Weiterbetrieb der AKWs in Deutschland nicht mehr rentiert. Aber es wäre eine ehrliche Rechnung ohne (versteckte) staatliche Subventionen.
    AKWs und die Haftung – eigentlich ein schönes Thema für einen der nächsten Artikel. ;-)

  3. Jan
    20:35 am 28. Februar 2011

    Gerade eben entdeckt: Ein ehemaliger Lufthansa-Pilot sagt zu dem Thema (bezogen auf das AKW Biblis):

    Die Flugsicherung würde eine Abweichung sofort, innerhalb von wenigen Sekunden merken, was aber kaum helfen würde. Vom Moment des Abweichens bis zum Aufschlag auf der Reaktorkuppel hätte ich nicht mehr als fünf Minuten gebraucht. Wer soll das noch wie in dieser Zeit verhindern?
    Halbwegs moderne Flugzeuge verfügen übrigens über ein autonomes bordeigenes Navigationssystem, das erlaubt ein Ziel zu treffen, ohne es zu sehen.

    Quelle: http://www.greenpeace.de/themen/atomkraft/nachrichten/artikel/ein_ehemaliger_pilot_klagt_gegen_die_laufzeitverlaengerungen/