Atomkraft-Fans mit schlagenden Argumenten an der Unterweser

Plakat Atomkraftwerk Esenshamm / Unteweser abschaltenEin denkwürdiger Nachmittag gestern in Stadland, der kleinen Gemeinde, in der das Atomkraftwerk Unterweser liegt. Der 33 Jahre alte Reaktor, der nach dem ursprünglichen Atomkonsens bis 2012 und nach den Laufzeitverlängerungen von Schwarz-Gelb bis 2020 am Netz bleiben sollte, ist aufgrund des Atom-Moratoriums derzeit abgeschaltet. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass er nie wieder angefahren wird. Betreiberin ist die Eon Kernkraft GmbH, die seit der Abschaltung verbissen um den Weiterbetrieb kämpft.

Gestern gab es in Stadland eine Podiumsdiskussion zwischen Befürwortern und Gegnern. Die Veranstaltung fand kurzfristig an einem Mittwochnachmittag zur besten Arbeitszeit statt. Im Publikum befanden sich 800 Atomkraft-Befürworter, die größtenteils von Eon mit Bussen herbei gekarrt wurden. Offenbar waren es mehrheitlich Mitarbeiter des Unternehmens beziehungsweise des Kraftwerks, die – so sah es aus – „dienstlich“ anwesend waren. Auf der anderen Seite besuchte eine kleine Gruppe von 30 Atomkraftgegnern, ausgestattet mit Transparenten und Fahnen die Veranstaltung. Ein Bericht von einer 64jährigen Teilnehmerin aus der 30er-Gruppe, die mit einem Schlag auf den Kopf davon kam:

Schon bei unserer Ankunft schlug uns Hass und Wut entgegen, Grölen, Pfeifen und mehr. Wir haben alle Menschen erst mal in die Markthalle rein gehen lassen. Mit denen zusammen wären wir da nie rein gekommen. Dann ging die „stille Post“ um, immer dem Kabel folgen und dann durch die Hintertür rein. Das klappte auch – und schon waren wir direkt am Podium! Und dann ging es los. Auf uns stürzte sich eine Gruppe junger Männer um die Mitte 20, einer riss mir die Anti-Atom-Fahne weg, der nächste versuchte mir die Kamera zu entreißen und ein langer Kerl mit weißem Kapuzenshirt schlug mir auf den Kopf. Meine Fahne habe ich wieder gefunden, meine Kamera hatte ich mit der Halterung fest um mein Handgelenk, sonst wäre die zu Bruch gegangen. Mein Plakat habe ich zerknüllt mit ein wenig Mut während der Veranstaltung zwischen den Beinen der Eon-Leute wieder hervor gefischt (sh. Foto).
Die Podiumsdiskussion war inhaltlich nichts Besonderes. Argumente wurden hervorgebracht, ohne dass einer den anderen überzeugte, nur einmal waren alle still: Als der Physiker und langjährige Atomkritiker Dr. Ingo Harms sagte, dass niemand hier im Saal die hundertprozentige Sicherheit garantieren könne. Da gab es keinen Widerspruch.

Es war ein seltsames Gefühl, als kleine Gruppe einer so wütenden Menge gegenüber zu stehen. Hatte ich Angst? Während dieser Attacken nicht, aber hinterher war mir kalt und ich hab ein wenig „geschlottert“. Aber ist es nicht schon öfter in der Geschichte so gewesen, dass eine kleine gewaltfreie Gruppe letztendlich doch Recht hatte?

Einen Audio-Mitschnitt gibt es beim Nordwestradio.

von Jan am mit 2 Kommentaren

2 Responses to “Atomkraft-Fans mit schlagenden Argumenten an der Unterweser”

  1. albert
    02:34 am 1. April 2011

    „Aber ist es nicht schon öfter in der Geschichte so gewesen, dass eine kleine gewaltfreie Gruppe letztendlich doch Recht hatte?“

    meinst wie noah mit der arche?

  2. john
    18:31 am 3. April 2011

    unglaublich. nicht nur radikale gruppen und gewisse polizisten (s21), auch konzerne arbeiten an der radikalisierung der gesellschaft und an dem aufbau eines scheinbildes, als ob die mehrheit für atomkraft wäre…